
„Das ist wieder so typisch für sie!”, rufst du entrüstet und beendest wütend das Telefonat mit deiner Mutter. “Nie hört sie mir richtig zu, und wenn ich von einem Problem erzähle, höre ich nur Vorwürfe. Sie macht alles nur schlimmer!”. Dein Herz rast vor Wut. Am liebsten würdest du noch zehn vorwurfsvolle Nachrichten hinterher schreiben … („NIE kannst du …”) … und vielleicht tust du das auch noch. Leider fühlst du dich danach aber nur noch schlechter.
„Das ist wieder so typisch für sie!”, rufst du entrüstet und beendest wütend das Telefonat mit deiner Mutter. “Nie hört sie mir richtig zu, und wenn ich von einem Problem erzähle, höre ich nur Vorwürfe. Sie macht alles nur schlimmer!”. Dein Herz rast vor Wut. Am liebsten würdest du noch zehn vorwurfsvolle Nachrichten hinterher schreiben … („NIE kannst du …”) … und vielleicht tust du das auch noch. Leider fühlst du dich danach aber nur noch schlechter.
Kommt dir diese Szene bekannt vor? Dann bist du vielleicht von einer wiederkehrenden Wut auf deine Eltern betroffen. Deren Wurzeln können jedoch viel tiefer liegen, als dir bewusst ist. In unserem Blogartikel erfährst du, woher die Wut auf deine Eltern kommt und warum sie dir sogar helfen kann. Wir zeigen dir, was du tun kannst, um die Wutgefühle dauerhaft loszuwerden: Indem du sie sinnvoll als Anstoß nutzt, deine negativen Kindheitsprägungen aufzuarbeiten. So kannst du eine dauerhaft gesunde, konfliktfreie Beziehung zu deinen Eltern und anderen Menschen aufbauen.
Wenn du regelmäßig Wut auf deine Mutter oder deinen Vater (oder beide) empfindest, dann denkst du dir vielleicht, dass du diesen Absatz direkt überspringen kannst. Schließlich kennst du die Situationen doch ganz genau, in denen du wütend wirst. Jedoch lohnt es sich immer, etwas genauer hinzuschauen.
Die Wut auf deine Eltern kann typischerweise in zwei Situationen entstehen: im direkten Kontakt oder indirekt durch Trigger-Situationen mit anderen Menschen.

| 💡 Wut auf die Mutter oder auf den Vater – gibt es da Unterschiede? Bei Vätern sind die negativen Kindheitserfahrungen öfter von Abwesenheit geprägt. Das liegt in der Natur der Beziehungsdynamik zwischen Eltern und Kind: Während in den ersten Lebensjahren des Kindes der Vater häufig arbeitet, ist die Mutter mit dem Kind meist zu Hause. Bei einer Trennung der Eltern lebt ein Kind zudem häufig bei der Mutter und sieht den Vater seltener, in vielen Familien nicht öfter als einmal die Woche. Die Folge: Väter sind in den Kindheitsjahren öfter emotional oder physisch weniger präsent als Mütter. Das führt oft zu Gefühlen der Enttäuschung, der Verlassenheit oder des Unverstandenseins. Wut auf Väter zeigt sich somit häufiger in dem Gefühl, vom Vater im Stich gelassen zu werden (die “Verlassenheitsprägung”) oder für ihn nicht wichtig bzw. wertvoll genug zu sein (die „Unzulänglichkeitsprägung”). |
Wut auf die Eltern im Erwachsenenalter äußert sich oft in vielfältigen und manchmal überraschenden Formen. Ein klassisches Beispiel ist die Wut, die entsteht, wenn erwachsene Kinder das Gefühl haben, ihre Eltern hätten sie in der Kindheit nicht ausreichend unterstützt oder verstanden. Diese Wut kann in Momenten zum Vorschein kommen, in denen deine Eltern dir Ratschläge geben, die du als übergriffig empfindest.
Ein weiteres Beispiel ist der Ärger über ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit, der während Familientreffen aufkochen kann. Etwa, wenn alte Geschichten oder Streitigkeiten bei einem Familienessen wieder aufgewärmt werden und alte Wunden öffnen.
Vielleicht kennst du auch das Gefühl einer tief sitzenden Frustration, wenn deine Eltern bestimmte Lebensentscheidungen nicht nachvollziehen oder unterstützen, zum Beispiel die Wahl eines Lebenspartners, berufliche Entscheidungen oder den Lebensstil.
Manchmal kann sich die Wut aber auch subtiler zeigen. Distanzierst du dich von deinen Eltern, machst häufig ironische Kommentare oder hast immer etwas anderes vor, wenn deine Mutter anruft? Dann drückt sich deine Wut nicht durch laute Auseinandersetzungen aus, sondern durch eine kühle Distanz. Die ist manchmal schwerer zu überbrücken als offene Worte.
| 🚑 Umgang mit der Wut in Akutsituationen: Erste-Hilfe-Tipps Mehr Informationen dazu, wie du mit unkontrollierbarer Wut auf deine Eltern und andere Menschen umgehen kannst, findest du in unserem Blogartikel zum Thema „Wut loswerden”. Oder schau doch mal in das Video von Ramón Schlemmbach zum Thema „richtiger Umgang mit Wut in Akutsituationen”. |
Wir unterscheiden zwischen situationsbedingter Wut, die in bestimmten „Ausnahmesituationen” auftritt und in jeder Beziehung normal ist, und wiederkehrender Wut, die wie ein Muster immer wieder in Triggersituationen auftritt. Erlebst du wiederkehrende Wutgefühle auf einen oder beide Elternteile, dann ist die Antwort auf das „warum?” relativ eindeutig: Du leidest vermutlich an einer unzureichend aufgearbeiteten Kindheit.
Die Situationen, unter denen du als Kind gelitten hast, haben dich negativ geprägt. Wenn du die Gefühle, denen du damals hilflos ausgesetzt warst, heute bei deinen Eltern wieder durchfühlst, erinnert sich dein inneres Kind an den Schmerz. Diesen Schmerz hast du nie richtig aufgearbeitet. Das Resultat ist: Anstatt mit Akzeptanz zu reagieren („so ist Mama / Papa halt”), wirst du wütend – denn deine Eltern haben mit ihrer Aussage eine Wunde getroffen, die nie verheilt ist.
Nun könntest du natürlich sagen: Gut, ich bin wütend auf meine Eltern oder einen Elternteil, aber ich bin ja auch erwachsen. Ich lebe alleine und gestalte mein Leben ohne meine Eltern. Über die Wut, die ein-zweimal die Woche hochkocht, kann ich hinwegsehen. Warum solltest du dich dennoch tiefer damit auseinandersetzen?
Wir nennen dir drei triftige Gründe, die dafür sprechen, an den Wutgefühlen zu deinen Eltern aktiv zu arbeiten:
Beziehungsdynamiken verharren selten, wie sie sind – sie entwickeln sich weiter. Du kannst vielleicht bereits beobachten, dass das Verhältnis zu deinen Eltern sich über die Jahre immer weiter verschlechtert. Jeder neue Streit, der alte Wunden hochkochen lässt, ist belastend für dich und deine Eltern. Und das nicht ohne Grund. Denn deine Wut hat eine wichtige Funktion: Sie möchte dich auf eine unverteilte Wunde aufmerksam machen.


Man sollte meinen, dass man sich bei wiederkehrender Wut auf die Eltern immer weiter von diesen distanziert. Denn schließlich tut die Wut einem ja nicht gut, und als erwachsener Mensch ist man weder finanziell noch emotional von ihnen abhängig. Warum lässt du deine Eltern nicht einfach hinter dir und lebst dein eigenes Leben (und machst alles mit deinen Kindern besser)?
Paradoxerweise beobachten wir oft das genaue Gegenteil. Erwachsene Kinder, die unter wiederkehrenden Konflikten mit ihren Eltern leiden, sind emotional oft abhängiger von den Eltern als andere. Der Grund dafür ist, dass der unverheilte Schmerz zwischen dir und deinen Eltern dir eine gesunde Ablösung erschwert.


Im Spiegel deiner alltäglichen Erfahrungen – beispielsweise wiederkehrende Probleme in Beziehungen oder auf der Arbeit – siehst du immer wieder deine Eltern als Schuldige.
Daher ist die Wut auf deine Eltern als „Symptom” eine Aufforderung deines inneren Kindes, die Aufarbeitung deiner Kindheit anzugehen und selbst Verantwortung für dein Leben übernehmen zu können.
Sieh es so: Die Wut auf deine Eltern ist nicht dein Feind, sondern dein Freund. Denn sie möchte dir helfen und dir etwas Wichtiges mitteilen. Sie entsteht in Momenten der Hilflosigkeit und hat eine klare psychologische Funktion. Wut erzeugt bei dir Gefühle von hohem Leidensdruck („es muss sich etwas ändern”), aber auch von Selbstbewusstsein und Energie. Diese Emotionen treiben dich an, nicht in Passivität zu verharren. Du kannst die Wut als einen Treibstoff ansehen, der dir dabei hilft, deine Probleme an der Wurzel zu packen und dich mit deinem Kindheitsschmerz auseinanderzusetzen.
Die Wut dient dir als Signal und Antrieb, um aktiv zu werden und Lösungen zu finden. So kann aus der zunächst unangenehmen Wut eine produktive Kraft entstehen. Du kannst sie nutzen, um deine negativen Kindheitsprägungen endlich anzugehen und das Verhältnis zu deinen Eltern und zu dir selbst zu heilen.
